Der Kontrabass in der Musikwerkstatt an der THS in Sinsheim. Michael Schneider stellt seine “ Grossmutter “ vor und 22 Ohren lauschen Grossmutters Erzählungen.

Meine vielen Kinder sind aus dem Haus. Jetzt habe ich noch mehr. Zumindest dann, wenn ich im Rahmen der Musikwerkstatt der Musikschule Sinsheim in Schulklassen gehe und von der ersten bis dritten Klasse den Kontrabass vorstelle.
Wenn die Kinder den Kontrabass erkennen, dann liegen sie bei mir schon mal falsch, denn zunächst ist es kein Kontrabass, sondern eine Hundehütte – so machen sich die Amerikaner über dieses grosse Instrument lustig. In Deutschland lieben die Lustigmacher das Wortspiel zwischen Gross und Grossmutter.
Um die Grösse dieses Instruments zu betonen ziehe ich den Stachel erst einmal einen halben Meter heraus und bin dann daneben ein ganz kleines Männchen. Gehe aber nicht wie das HB Männchen in die Luft, sondern frage die Kinder, was ich jetzt machen soll. Bald ist der Stachel wieder eingefahren und nun führe ich meinen bequemen Knickstachel vor. Auf einem Stuhl stehend benimmt sich der Bass dann den Kindern gegenüber wie ein Cello.

Ganz zu Beginn der Stunde werde ich aber erst einmal wissenschaftlich und kläre den Unterschied zwischen Brot und Brötchen. Meine diesbezüglichen Malereien an der Tafel erkennen die Kinder inzwischen immer. Das führt dann zu den Begriffen Violone und Violoncello. Haben Sie gerade auch etwas gelernt ? Richtig, der grosse Bass und der kleine. Hans, so wie Hänschen. Das kommt immer an, auch in jedem Gehirn. Und Brot und Brötchen begleiten sie ihr Leben lang, das vergessen sie nie.

Ein Lied ? Da lassen die drei Chinesen – mit dem Kontrabass – nicht lange auf sich warten. Das ist ein Lied, da können die Kinder, nein, da können alle Kinder sogar alle Strophen. Zum Schluss erinnert der Musiklehrer der Gruppe noch an den Elefanten aus dem berühmten Karneval der Tier von Camille Saint Saens. Es reicht gerade noch für die ersten Töne, da klingt schon der Gong. Danke. Michael Schneider kann dieses Stück auch nach 35 Jahren als Solokontrabassist immer noch nicht auswendig.

Vor dem abrupten Gong-Ende gab es noch eine Vollversammlung der Ohren am Kontrabass. Ich nenne sie: Ohrwürmer. Wusste nicht, dass elf Kinderohren Platz finden an einer Hundehütte.

Wenn allerorts das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach erklingt, „spielen“ wir mit seinen Cello-Suiten: Sonntag, 18. Dezember 2016 (4. Advent), Beginn 18 Uhr im kunstort Eleven artspace.

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Ein Weihnachtsstreich im kunstort Eleven artspace: Die Cellosuiten I-III von Johann Sebastian Bach

„Betört von ihrer Schönheit, heiratete Epimetheus die reizvolle Pandora. …Ausgang ungewiss“ *

Der einstige Solointerpret des Philharmonischen Orchesters Heidelberg und Mitbegründer des Weltmusik Ensembles „Arkestra Convolt“ Michael Schneider spielt und improvisiert gemeinsam mit der Sängerin und Vokalkünstlerin Paulina Tyszka die Cellosuiten I & III von Johann Sebastian Bach. Während des Spiels spontan aber entdecken die beiden immer wieder Gelegenheiten, vom Original abzuweichen. Sie legen Pause ein für eine musikalische Zwischenmahlzeit in anderen Regionen und Sphären – bis sie ein Schlupfloch zurück zum Original finden, um dort wieder fortzufahren.

Die eine Facette wird inspiriert von „Play Bach“, die andere ist die Befreiung von deren Notentext. Der Zuhörer verliert trotzdem nie den Bezug zum Original – zu klangvoll schwingt im Untergrund die wunderbare Musik des verehrten Meisters weiter.

Das Interludium zwischen den Suiten gestalten die Sängerin und der Instrumentalist zusammen mit ihrem „Special Guest“, der Klangkünstlerin Monika Golla. Hier erleben Sie die d-moll Suite in Klangzitaten, zerlegt in Einzelteile, ein Puzzle, scheinbar zerfleddert wie die Musik von John Cage. Bleibt sie nun stehen, geht sie weiter? Dreht sie sich im Kreis um sich selbst? Wann beginnt sie überhaupt? Diese Fragen können Ihnen erst nach dem Konzert beantwortet werden, denn es ist, als handele es sich an dem Abend auch um die weltberühmte Komposition von Charles Ives: „The unanswered question „…

*Auf den Tag genau vor 50 Jahren entdeckte Richard L.Walker den Saturnmond Epimetheus. Dieses Ereignis gibt dem außergewöhnlichen Klangerlebnis seinen Namen.

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Paulina Tyszka

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Michael Schneider

Ort:
kunstort ELEVEN artspace
Schulstraße 27 // 72181 Starzach-Börstingen
> Parkplätze vorm Haus

Es stehen nur begrenzt Sitzplätze zur Verfügung.
Verbindliche Reservierungen nehmen wir gerne entgegen.
Email: info@kunstort-eleven-artspace.net
Telefon: 01573-8218662
oder: 01520-1929499

Das Violoncello und die Rabbath Technik – wurde sie dafür erfunden ? – fragt scheinheilig Michael Schneider und empfiehlt seine Neue Lageneinteilung auf dem Cello. I. Teil

Es gibt unendlich viele phantastische Cellisten. Wie haben sie ihr hohes Niveau erreicht? Durch sehr viel Üben. Das hätten sie sich alles sparen können. Selbstverständlich nicht das Üben. Es geht hier um eine andere Denkweise, einen anderen Weg zur Virtuosität.

Zum Beispiel Tonleitern: Meine erwachsenen Schüler spielen nach drei Monaten Tonleitern über vier Oktaven. Ziemlich selbstverständlich, auch sauber und elegant in den Bewegungsabläufen. Von vornherein werden auch die Tonleitern in ihren Variationen auf allen vier Seiten ein-gelernt. Dazu gehört von Anfang an das Pivot ( anstelle der “ weiten Lage „  – die entspannte und geschmeidige Beherrschung dieser herkömmlichen Art bekommen sie durch das Pivot sozusagen geschenkt ).

Die 4. Lage ( nach Rabbath, bzw die Daumenlage in der Oktave ) kommt in der ersten Stunde zum Einsatz, sei es als leere Saiten oder als Daumenflageolett in der Oktave. Geht “ alle meine Entchen“ in der 1. Lage, dann geht es auch in der Oktave mit Daumen und drei Fingern. Von dort ist der Weg zur 5. Lage ( nach meiner neuen Lageneinteilung also auf der A-Saite das E über der Oktave ) nur noch eine Unterrichtsstunde entfernt.

So begreifen meine Schüler sehr schnell, dass auf allen Saiten und in allen Lagen das gleiche Strickmuster gilt und dass es um “ Spielen “ geht und nicht um etwas “ Schweres „. Das ist eigentlich meine wichtigste Erkenntnis der Rabbath Technik : ich lerne, dass Musik leicht ist, ich lerne den Mut und die Lust auf musikalisches Risiko. Das ist für mich eine Technik der Souveränität : mach Musik und such dir die Technik aus die dazu passt. Früher habe ich eine Technik gelernt und musste damit klar kommen.

Dazu gebe ich hier ein Beispiel: Jason und Medea von Olga Magidenko. Auf dem Höhepunkt kommen einige rasante Läufe, die für mich nur machbar sind, weil ich in ( und mit  ) der Neuen Lageneinteilung spiele und denke. Ebenso unspielbar wären für mich die Läufe in den tiefen Lagen im Finale ohne das Pivot.

Veröffentlicht am 26.05.2014. Olga Magidenko. Jason und Medea op. 73b für Klarinette und Violoncello (2013). Stammt aus der 6. Szene aus der Oper Medea. Claus Rosenfelder, Klarinette und Michael Schneider, Cello

 

 

Susanne Paul : “ Just Doodling “ – slap that Cello – oder lieber nicht, fragt Michael Schneider.

Jeder Kontrabassist kennt und benutzt perkussive Slap-Effekte. Als Bassist und Cellist muss ich im Orchester immer wieder mal die langweiligen Bartok-Pizzicati anwenden. Das ist für mich das Farbloseste zum Thema schablonierte Langeweile . Im Jazz ergibt sich ein Slap-Effekt quasi als ein musikalisches Luftholen von selbst. Bei Susanne Paul steht dieser Slap Effekt in den Noten. Die betreffenden Noten sind hohl und mit einem Kreuz gefüllt. Das Stück gefällt mir immer besser, aber immer verliert es durch das “ Klatschen “ Dass dahinter die Anwendung oder systematische Einführung einer neuen Spieltechnik steht ist mir klar. Ich lasse diesen Effekt auch in das Spiel einfliessen, bevorzuge dabei jedoch den musikalischen Impuls aus der Bewegung heraus. Die Aufnahme, das Video auf Youtube ist wenig überzeugend um dem “ Slappen “ einen musikalischen Sinn zu geben, es sei denn als akademische Übungsaufgabe. Wieder warte ich auf eine überzeugende Darbietung, die mich restlos überzeugt. Ab dem 19. September werde ich meine Version von “ Just Doodling “ mit dem Konzertmitschnitt auf Youtube zur Diskussion stellen.

Wer alles liest meine Webseite?

Richtig gelesen, hier geht es nicht um Seiten, die mit „a“ geschrieben werden, sondern mit „ei“.

Nachdem das LKA Berlin mich aufgrund eines Artikels auf dieser Seite zu einer Zeugenaussage aufgefordert hat, bin ich mir sicher, dass der BND und das LKA, beziehungsweise die Polizei meine Webseite sehr intensiv lesen.

Es gibt natürlich auch ganz positive Erfahrungen. So hat mir gerade kürzlich jemand geschrieben, der aufgrund eines Artikels über die paradiesischen Genssler Saiten um Kontakt mit Gerold Genssler gebeten hat.

Ich bin der Solo Kontrabassist des Philharmonischen Orchesters Heidelberg.

Und ich bin stolz darauf, dass inzwischen auch unser Orchestervorstand sehr an meiner Web Seite interessiert ist ( Achtung: keine Seiten mit a!), und sehr interessiert darin stöbert.

Immerhin habe ich schon mehrfach erwähnt, dass ich seit ich in Aberdeen 1977 beim europäischen Jugendorchester Treffen teilgenommen habe, als der schlechteste Bassist Deutschlands qualifiziert wurde. Was für eine phänomenale Karriere. Da brauche ich ja noch nicht mal Mitglied der Berliner Philharmoniker zu sein. Von der ersten Geige unseres Orchesters in Heidelberg bis zur Bratsche wird meine Webseite gelesen. Anscheinend habe ich als schlechtester Bassist Deutschlands, als Schüler des Kontrabass Virtuosen Francois Rabbath und Schüler von Willi Beyer, ehemaliger Solokontrabassist des NDR diesen hohen Streichern doch sehr viel zu sagen, so dass sie meine neuesten Nachrichten intensiv lesen möchten.

Oder gibt es doch noch die Inquisition, die doch nur negativ sucht? Egal: so trägt Freund und Feind zur Verbreitung meiner wunderbaren Webseite bei. Ich spüre: alle lieben mich, jeder auf seine Weise.

Ich wurde in Kommentaren schon mehrfach darauf angesprochen, dass die Seite manchmal mehr Titanic Charakter entwickelt als Kontrabass Charakter hat.

Zumindest Titanic und Kontra machen da manchmal einen Sinn. Ich muss an dieser Stelle noch einmal fragen, warum Voltaire seinen „Candide“ nach Deutschland verlegt hat? Warum haben zu allen Zeiten die Machthaber dieser Welt sich einen Hofnarren geleistet?

Es war allen Machthabern klar, dass es irgendwie, irgendwo ein Ventil für die nackte Wahrheit geben muss. Aber auch heute in Deutschland und auch in Heidelberg wie auch in Berlin gilt: die nackte Wahrheit ist nicht beliebt. Also wird sie in der Titanic lust- und lachvoll verarbeitet, oder als Comedy bei Sat eins.

So ein Beispiel, ganz passend zu einem inzwischen berühmten Vorfall in Berlin Anfang September 2013 präsentiert Anke Engelke zum Thema: ich rufe die Polizei, aber die Polizei ist der Täter. So etwas kommt in Heidelberg selbstverständlich nicht vor. Nur in Berlin ? Oder eben als Comedy Clip,

Als Comedy Video Clip auf YouTube zu bewundern:

http://www.youtube.com/watch?annotation_id=annotation_952335299&feature=iv&src_vid=VULGONLGJIw&v=w7yVXG4t6Ng

Zur Erinnerung: Ich wurde im letzten Jahr in Berlin Zeuge eines „schlagkräftigen “ Übergriffs zweier Polizeibeamter in Zivil gegenüber einem dunkelhäutigen Mitbürger. Jemand, der zu schlichten versuchte, bekam dann eine Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Ihm bot ich anschliessend meine Hilfe als Zeuge an. Ich konnte nicht einsehen, dass ein “ dunkelhäutiger Jesus“ ganz überraschend zu einem Täter mutieren konnte.

Vor einigen Tagen rief mich das zweite „Opfer“ aus Berlin an um mir mitzuteilen, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt worden sei, weil die beiden Beamten in Zivil schon öfter in ähnliche Verfahren involviert waren. In diesem Zusammenhang erteilte er mir noch die Absolution bezüglich meiner bemühten Beschreibungen von Menschen anderer Hautfarbe. Mir war bewusst, dass das Bemühen um „politische Korrektheit“ auch Stilblüten in sich birgt, mit sich bringt, über die ich in den Augen einiger Kommentatoren auch heftig gestolpert bin.

Ich danke also Herrn A.B. für die Anerkennung, dass in diesem Zusammenhang und der Beschreibung des Hergangs alle Worte so gewählt werden mussten, wie ich sie formuliert habe.

In dem Roman “ Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“ beschwört der Haupt-Protagonist immer wieder den Satz: “ Es kommt wie es kommt. Und so kommt es dann auch“.

 

Genssler Saiten, die musikalische Freiheit und die Ballade vom Seiltänzer Felix Fliegenbeil.

Fünf Jahre Genssler Saiten, gespielt mit einem Cellobogen. Leichte und schnelle Ansprache, satter sonor-seidener Bass Klang.

Baustellenstau und Verkehrschaos in Heidelberg machen es möglich: ich habe keine Zeit meinen eigenen Bass mit zur Aushilfe in einem anderen Orchester mit zu nehmen. Also spiele ich mit der üblich hohen Saitenlage und Pirastro Saiten auf einem mir fremden Bass. Es geht spielend leicht. Es wird zu einer lustvollen Herausforderung, mit dieser Saitenlage  und mit diesen Saiten einen mir vertraut schönen Ton hervorzubringen. Und es gelingt. Es geht mir wie dem Seiltänzer Felix Fliegenbeil in der Ballade von Michael Ende.

Auf dem Weg zur Virtuosität entwickelt Felix Fliegenbeil die Fertigkeit, auf einem immer dünneren Seil zu tanzen, bis er am Ende so virtuos sich bewegen kann, dass er gar kein Seil mehr benötigt.

So war meine letzte Begegnung mit einem anderen Bass, einer anderen Saiten Einrichtung und Pirastro Saiten. Keine Polemik, sondern die reine Wahrheit. Ein wenig Fremdeln war auch nach der zweiten Probe noch vorhanden, aber es überwiegte das Erstaunen über die Leichtigkeit nach meinem Umweg über die noch leichtere Variante: Die unerträgliche Leichtigkeit der Genssler Saiten führt zur Leichtigkeit im Umgang mit Pirastro Saiten.

Hier die dazugehörige Ballade von Michael Ende:

Die Ballade vom Seiltänzer Felix Fliegenbeil

Es war ein Tänzer auf dem Seil
mit Namen Felix Fliegenbeil.
Der größte aller Zeiten.
Das kann man nicht bestreiten.
Ihm lag nicht viel an Gut und Geld,
nichts an der Menge Gunst.
Ihm ging`s nicht um den Ruhm der Welt,
ihm ging es um die Kunst.

Schon in der Seiltänzerschule war
er bald der Beste in der Schar.
Und als ein Jahr vorüber,
war er dem Lehrer über.
Da sagte der in mildem Ton :
„Du Wunderkind, ade !
Ich kann dich nichts mehr lehren, Sohn,
drum geh´ mit Gott – doch geh´!“

So zog er in die Welt hinaus,
wohin er kam , erscholl Applaus.
Die ganze Welt bereist´ er
und suchte seinen Meister.
Doch keiner tanzte so genial
die Sprünge des Balletts
hoch droben auf dem Seil aus Stahl
und immer ohne Netz !

Da er den Meister nirgends fand,
beschloss er endlich kurzerhand,
statt andre zu begeistern
sich selber zu bemeistern.
„Mein Tanz“, sprach Felix Fliegenbeil,
„ist noch kein Meisterstück.
Zwar kann ich alles auf dem Seil,
doch ist das Seil zu dick!“

Drum spannte er von Haus zu Haus
nun einen Draht anstatt des Taus
und übte, drauf zu springen.
Das sollte bald gelingen.
Dann nahm er einen dünnern Draht
und einen dünnsten noch –
Es dauerte zwei Jahre grad,
dann konnte er´s jedoch.

Und schließlich kam das siebte Jahr,
da tanzte er auf einem Haar,
gespannt von Turm zu Turme.
Dort schritt er hin im Sturme.
Das Publikum sah schweigend zu
und hielt die Hüte fest.
Dann aber kam der letzte Clou,
der sich kaum glauben lässt:

Denn eines Tags um acht Uhr früh,
da spannt er nichts mehr zwischen sie :
Er tanzte auf der Leere,
als ob dort etwas wäre !
Hoch überm Abgrund ging er zwar
mit leichtem Tänzerschritt.
Doch weil er ohne Halt nun war,
nahm ihn ein Windstoß mit.

Wer weiß, wohin der Wind ihn trieb ?
Ein Astronom allein beschrieb,
was er im Fernrohr schaute
im Sternbild Argonaute :
Es sei, sprach er, gewiss kein Traum,
er habe ihn gesehn,
von Stern zu Stern im Himmelsraum
wie einen Tänzer gehn.
Michael Ende

 

 

 

Reisender auf dem Pfad der Nachdenklichkeit

Im Alter von 13 Jahren sass ich täglich nachmittags im Fensterrahmen meines Zimmers und übte Gitarre. Schnell wurde ich für schwul erklärt, weil ich mich nicht um Freundinnen gekümmert habe. Mit 24 Jahren bekam ich die Möglichkeit, noch Kontrabass zu studieren. Ich brach mein Lehrer-Studium in Hamburg ab und begann täglich konsequent 8 Stunden zu üben. Wieder wurde ich für verrückt erklärt, auch zunächst von meinen Eltern, besonders aber von meinen musikalischen Freunden. Denn ich hatte beschlossen ihnen zu sagen: wenn ich meine 8 Stunden geübt habe, dann können wir wieder Musik machen und Tee trinken.1991 begann ich mein zweites Kontrabass Studium bei Francois Rabbath in Paris. Diesmal wurde ich von meinen Kollegen für verrückt erklärt. Vier Jahre totales Mobbing waren das Ergebnis. 2013: meine begeisterte Unterstützung unseres derzeitigen Generalmusikdirektors beim Philharmonischen Orchester Heidelberg bewirkte ähnliche Reaktionen.

Was haben diese Etappen, diese Schnittpunkte in meinem Leben gemeinsam? Neugier. Freiheit. Innovation. Hunger. Was für große Worte von einem kleinen Solo Bassisten aus Heidelberg. Und die Moral von der Geschichte? Wen interessiert das? Im zweiten Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters Heidelberg hatten wir den Gastdirigenten John Carewe am Pult. In einer Probe erwähnte er, dass Musik immer hungrig sein muss. Das ist vermutlich das Musizieren über die schlichte Tätigkeit hinaus. Aber welcher Hunger ist das genau? Satt sind wir alle, besonders kurz vor der Rente, wenn wir alle ein paar Kilo zu viel haben. Nein, es muss ein anderer Hunger sein. Ist es der Hunger des Internationalen Bruckner Journals, das eine Aufführung unter der Leitung von Yordan Kamdzhalov als traumhafte Interpretation gelobt hat. Oder ist es die traumhafte Dynamik des Philharmonischen Orchesters Heidelberg, das bei der Dionysos Produktion so leise gespielt hat, dass es den Kritikern der Zeitschrift: „Opernwelt“ den Atem verschlagen hat, sodass sie als Produktion des Jahres 2013 bewertet wurde. Ob da die Berliner Philharmoniker vor Neid erblassen? Vermutlich kann diese Leistung nur so ein Jahrhundert Dirigent wie Yordan Kamdzhalov hervorbringen.

Ich habe bei John Carewe nachgefragt, was er genau mit der „hungrigen Musik“ meinte. Hier ein Auszug aus seiner Antwort:

“ My idea is so very simple. Most musical phrases move to a ‚high point‘ at or near the end of the phrase. So we must move the music towards that point. Then each group of phrases moves in a similar way to another (more important) high point. And so on. What I mean by being hungary is simply I want the orchestra to avoid being ’static‘, to phrase forwards. To want to ‚eat‘ the coming music!! It has nothing to do with Social Security „!!!!!!“

Wenn ich jetzt hier anderen Dirigenten Unrecht tue, dann nur aus Unkenntnis, aber nicht aus Absicht. Woher weiss ich das alles? Beziehungsweise: woher meine ich das zu wissen? Als ich noch Bottessini Kontrabass Konzerte übte, da wurde ich von meiner damaligen Schwiegermutter immer wieder mit der Frage konfrontiert: warum müssen Kontrabässe immer so hoch spielen? Als ich dann die Musik von Francois Rabbath kennen lernte und bei ihm studierte, da hörte sie eine Aufnahme von Francois Rabbath mit einem Konzert von ihm komponiert und gespielt. Eine plötzliche Kehrtwende: was ist denn das für fantastische Musik? Keine Frage: warum das so hoch sein muss! Antwort und Lösung: es sind die Klangfarben, das Timbre in der Musik. Und die Leichtigkeit. Die Rabbath Technik gibt mir die Möglichkeit dazu. Rabbath gehört auch zu den „hungrigen“ Musikern dieser Welt.

Nota bene: Den Titel dieses Artikels habe ich mir von Fritz Mühlenweg ausgeliehen. Fritz Mühlenweg hat vor ca 60 Jahren einen berühmten Jugendroman geschrieben: „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“. Einer seiner Erzählbände trägt den oben zitierten Titel.