Reisender auf dem Pfad der Nachdenklichkeit

Im Alter von 13 Jahren sass ich täglich nachmittags im Fensterrahmen meines Zimmers und übte Gitarre. Schnell wurde ich für schwul erklärt, weil ich mich nicht um Freundinnen gekümmert habe. Mit 24 Jahren bekam ich die Möglichkeit, noch Kontrabass zu studieren. Ich brach mein Lehrer-Studium in Hamburg ab und begann täglich konsequent 8 Stunden zu üben. Wieder wurde ich für verrückt erklärt, auch zunächst von meinen Eltern, besonders aber von meinen musikalischen Freunden. Denn ich hatte beschlossen ihnen zu sagen: wenn ich meine 8 Stunden geübt habe, dann können wir wieder Musik machen und Tee trinken.1991 begann ich mein zweites Kontrabass Studium bei Francois Rabbath in Paris. Diesmal wurde ich von meinen Kollegen für verrückt erklärt. Vier Jahre totales Mobbing waren das Ergebnis. 2013: meine begeisterte Unterstützung unseres derzeitigen Generalmusikdirektors beim Philharmonischen Orchester Heidelberg bewirkte ähnliche Reaktionen.

Was haben diese Etappen, diese Schnittpunkte in meinem Leben gemeinsam? Neugier. Freiheit. Innovation. Hunger. Was für große Worte von einem kleinen Solo Bassisten aus Heidelberg. Und die Moral von der Geschichte? Wen interessiert das? Im zweiten Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters Heidelberg hatten wir den Gastdirigenten John Carewe am Pult. In einer Probe erwähnte er, dass Musik immer hungrig sein muss. Das ist vermutlich das Musizieren über die schlichte Tätigkeit hinaus. Aber welcher Hunger ist das genau? Satt sind wir alle, besonders kurz vor der Rente, wenn wir alle ein paar Kilo zu viel haben. Nein, es muss ein anderer Hunger sein. Ist es der Hunger des Internationalen Bruckner Journals, das eine Aufführung unter der Leitung von Yordan Kamdzhalov als traumhafte Interpretation gelobt hat. Oder ist es die traumhafte Dynamik des Philharmonischen Orchesters Heidelberg, das bei der Dionysos Produktion so leise gespielt hat, dass es den Kritikern der Zeitschrift: „Opernwelt“ den Atem verschlagen hat, sodass sie als Produktion des Jahres 2013 bewertet wurde. Ob da die Berliner Philharmoniker vor Neid erblassen? Vermutlich kann diese Leistung nur so ein Jahrhundert Dirigent wie Yordan Kamdzhalov hervorbringen.

Ich habe bei John Carewe nachgefragt, was er genau mit der „hungrigen Musik“ meinte. Hier ein Auszug aus seiner Antwort:

“ My idea is so very simple. Most musical phrases move to a ‚high point‘ at or near the end of the phrase. So we must move the music towards that point. Then each group of phrases moves in a similar way to another (more important) high point. And so on. What I mean by being hungary is simply I want the orchestra to avoid being ’static‘, to phrase forwards. To want to ‚eat‘ the coming music!! It has nothing to do with Social Security „!!!!!!“

Wenn ich jetzt hier anderen Dirigenten Unrecht tue, dann nur aus Unkenntnis, aber nicht aus Absicht. Woher weiss ich das alles? Beziehungsweise: woher meine ich das zu wissen? Als ich noch Bottessini Kontrabass Konzerte übte, da wurde ich von meiner damaligen Schwiegermutter immer wieder mit der Frage konfrontiert: warum müssen Kontrabässe immer so hoch spielen? Als ich dann die Musik von Francois Rabbath kennen lernte und bei ihm studierte, da hörte sie eine Aufnahme von Francois Rabbath mit einem Konzert von ihm komponiert und gespielt. Eine plötzliche Kehrtwende: was ist denn das für fantastische Musik? Keine Frage: warum das so hoch sein muss! Antwort und Lösung: es sind die Klangfarben, das Timbre in der Musik. Und die Leichtigkeit. Die Rabbath Technik gibt mir die Möglichkeit dazu. Rabbath gehört auch zu den „hungrigen“ Musikern dieser Welt.

Nota bene: Den Titel dieses Artikels habe ich mir von Fritz Mühlenweg ausgeliehen. Fritz Mühlenweg hat vor ca 60 Jahren einen berühmten Jugendroman geschrieben: „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“. Einer seiner Erzählbände trägt den oben zitierten Titel.

 

 

Über Wert und Unwert !

Kürzlich fragte mich eine ehemalige Schülerin, ob ich ihr ihren schrecklichen Bass doch reparieren könne. Sie war bei einem namhaften Kontrabassbauer und Reparateur und der hielt ihren Bass für einen Fehlkauf und für einen hoffnungslosen Fall. Michael Schneider ist kein Kontrabassbauer, aber ein Reparateur. In erster Linie bin ich aber Musiker und sozusagen Handwerker. Und als solcher behaupte ich, dass der Wert eines Kontrabasses, beziehungsweise sein „Unwert“ von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden sollte. Ich nehme einmal an, meine Erfahrung bestätigt dies, dass Geigenbauer Instrumente von ihrem Wert, beziehungsweise Verkaufs- oder Wiederverkaufswert aus betrachten. So bringt ein Bodenriss oder ein Deckenriss, oder noch schlimmer ein Stimmriss eine Wertminderung von bis zu 50 manchmal auch bis zu 100 %.

Wenn ich ein Instrument also als Wertanlage zu meiner Bereicherung betrachte, dann muss ich sehr wohl schauen auf die Anzahl der Risse und die Qualität des Instrumentes aus der Sicht eines Geigenbauers. Aus meiner Sicht ist ein Streichinstrument zunächst einmal nur eine Holzschachtel mit Saiten daran. Was ich davon erwarte, das hängt von meinen Ansprüchen ab. Mit einer einfachen, zusammen genagelten Holzkiste brauche ich mich bei den Philharmonikern in Berlin bestimmt nicht vorzustellen. Dieter Seiferling habe ich seinen Sperrholz Bass mit voller Holzdecke so eingerichtet, dass er schon seit langem besser klingt als mein teurer alter Antoniazzi Bass. Zumindest hört sich das in meinen Räumen so an. Im Konzertsaal weiß ich, dass es sich dann wieder sehr anders anhört. Wenn also der Marktwert eines Kontrabasses gleich Null ist, dann kann ich trotzdem für den Spieler das Instrument so herrichten, dass er sich mindestens wie ein kleiner Philharmoniker fühlt. Das sind bei Benutzung von Corelli, beziehungsweise Genssler Saiten und einer von mir sehr niedrig eingestellten Saitenlage, die das Spielen auf dem gesamten Griffbrett ermöglicht, alles Faktoren, die man mit dem Instrument nicht kauft, sondern sich nebenbei holen kann. Natürlich bewirken meine Bemühungen niemals, dass aus einem Kontrabass eine Stradivari Geige wird. Diese Schülerin, von der ich anfangs erzählte, die musste irgendwann einmal an dem Instrument Gefallen gefunden haben. Für mich muss ein Bass sehr ansprechend sein, in der Farbe, er muss einen Typen darstellen, denn meistens stehe ich ja alleine auf der Bühne. Und wenn ich mit den Heidelberger Philharmonikern auftrete, dann sitze ich mit meinem Bass vorne im Rampenlicht. Obige Schülerin will aber nur im Uniorchester oder in irgend einem anderen Hobbyorchester mitwirken. Da ihr irgendwas einmal optisch oder sonstiges an dem Instrument gefallen hat, wird er in dieser Hinsicht auch jetzt noch seine guten Dienste tun. Den Rest, den sie persönlich zum Spielen braucht, den holt sie sich jetzt bei mir. Wenn Sie dieses Instrument also nicht als Geldanlage gekauft hat, dann kann es durchaus noch passieren, dass dies ihr absolutes Lieblingsinstrument wird. Selbstverständlich nicht in finanzieller Hinsicht.

Aber auch für Kontrabässe gilt der uralte Spruch: jeder Topf findet auch seinen Deckel.

Was haben Berlin und Heidelberg gemeinsam?

Ich habe bereits einen Vorfall in Berlin geschildert, bei dem zwei Polizisten in Zivil einen Afrikaner verprügelten. Zeugen, zu denen auch ich gehöre, wunderten sich, warum dies in der Presse völlig anders als von uns beobachtet dargestellt wurde. Wir riefen die Polizei. Ist das Problem, sowohl in Berlin, als auch in Heidelberg das folgende? Wenn ich Unrecht sehe und die Polizei rufe, dann aber feststellen muss, dass die Polizei der Täter ist, was mache ich dann? Dies ist eine Befürchtung, eine Vermutung, denn es kann selbstverständlich keine Tatsache sein. Weil, es wäre ja in dieser Demokratie, in diesem Rechtsstaat völlig absurd anzunehmen, dass die Polizei, welches Organ auch immer das in Heidelberg sein mag, der Täter ist.

Nota Bene: in Heidelberg gibt es keine Täter, sondern nur Opfer.

Wir sind im wahren Leben: nach einer gewissen Sperrfrist wird auch in und über Heidelberg die Wahrheit einkehren und auf den Tisch gelegt werden.

Die Wahrheit, die gibt es ja gar nicht, es gibt nur Machthaber, die Recht haben dürfen, oder es gibt wie in Berlin die Zivilpolizisten, die Afrikaner verprügeln dürfen ohne Konsequenzen? Das darf ich so gar nicht sagen, denn es ist noch nicht entschieden.

Manchmal sieht es aus wie das Märchen von „des Königs neue Kleider„: alle sagen, dass sie etwas sehen, obwohl sie gar nichts sehen, aber alle nicken Ja und Amen dazu.

Manche Menschen wollen aber auch nicht sehen und leugnen, was in der grossen weiten Welt bewundert und anerkannt wird.

Scharfe Messer aus Vietnam schneiden dorthin wo ich es will. Ein gutes Reitpferd folgt dem leichtesten Druck – sagt meine Schwester. Und ich sage: Genssler Saiten sind mein Paradies auf Erden.

Genau, liebe Musiker und Musikerinnen, das wünschen wir uns von unseren Instrumenten auch. Wenn ich unserem Hund Louis das Kommando: „Sitz“ gebe, dann folgt er ruckzuck. Viel mehr kann er nicht, aber das eine Kommando geht. Aber bis das so weit war: 2000 mal muss ein Kommando für einen Hund wiederholt werden, bis er es kapiert.IMG_0396

Wie viele Jahre habe ich mich nach meinem Kontrabass strecken müssen. Ich bin immer wieder auf die Suche gegangen. Mein Fünfsaiter von Herrn Wilhelm hatte, seit ich ihn spiele einen wunderbaren Ton, aber die Ansprache war sehr wiederständig. Also lief mir Herr Gerigk aus Köln über den Weg. Seine Vibrationsentdämpfung beschleunigte dieses Instrument auf die Ansprache eines Cellos.

Wenn ich mein Instrument streiche und es kommt kein Ton heraus, bzw keine Antwort oder nicht die Antwort, die ich erwarte, dann beginne ich zu arbeiten, versuche das Ergebnis zu erzwingen. Dann arbeite ich. Ich will aber spielen.

Vago Hesshaimer hat mich den Respekt vor dem Reibungswiderstand gelehrt. Arbeite ich mit einem stumpfen Messer, dann beginne ich zu drücken. Meistens und oft gibt dann plötzlich der Widerstand nach. Und wo das Messer landet, das wissen die Betroffenen nur zu gut. Jedenfalls landet es nicht dort, wo es hingehen sollte.IMG_0372

So langsam spricht es sich herum, dass es mit den Genssler Saiten auf dem Kontrabass auch so ist. Die Rede ist von den „Rabbath„-Genssler Saiten. Sie sprechen an wie eine Geige, Blasen an den Händen beim Zupfen gehören der Vergangenheit an. Und wenn andere Bassisten ihre Saiten austauschen, dann haben die Genssler Saiten erst den richtig satten und seidigen Glanz erreicht. Weil die Saiten dünner sind als die meisten anderen ( ich kenne inzwischen nicht mehr alle ) und zehn Kilo weniger Zug haben, deswegen klingen sie keineswegs hell.IMG_0395

Auf einer CD mit der Gruppe „Tangoharmonika“ von Uli Kieckbusch ist mein Fünf-Saiter mit Genssler Saiten zu hören. Das ist der Sound, von dem ich immer geträumt habe, das ist der Klang, der mir Lust auf den Kontrabass macht. Dabei geht es nicht um mein Spiel. Das ist der Ton, der mich süchtig macht.

 

Abgesang auf ein Paradies in Heidelberg

Wer mit Yordan spielt kommt in der Welt herum.

( Wer Karl May liest, kommt in der Welt herum, springt über Kontinente, vom Rio de la Plata über den Sudan, das Land des Mahdi, bis in den Fernen Osten, von Arizona nach Damaskus und schliesslich in Welten, die nicht auf dem Planeten Erde liegen. Zitiert nach Rüdiger Schaper : Karl May – Untertan, Hochstapler, Übermensch. Siedler Verlag ).

Magie ist mit im Spiel. Da kann einer etwas, das kann man nicht lernen. Mozart und Salieri kommen uns da in den Sinn. Nennen wir es etwas salopp den Neid der Besitzlosen. Dabei hätten die es gar nicht nötig. Es wäre vermutlich äußerst langweilig, wenn alle begabungsmässig gleichgeschaltet wären. ( Siehe meinen Artikel über das Paradies und den Sündenfall ). Da dirigiert also Yordan Kamdzhalov auswendig. Das gibt ihm die Freiheit Musik zu machen, ohne den Blick auf das Papier, die Musik quasi aus sich selbst zu erschaffen. So mancher Musiker ( Musikerinnen auch) muss erst lernen damit umzugehen.

Die Menschen der DDR waren im Alltag auch so ( unfreiwillig ? ) gleichgeschaltet , dass sie nach der Wende mit dem freien Kreativkapitalismus nicht gut klar kamen. Kreativmusik im Orchester stellt also unter Yordan Kamdzhalov enorme Ansprüche an geistig musikalische Flexibilität und Breitschaft zum Risiko. Wie sagt der Engländer : no risk no fun. Ist Yordan Kamdzhalov das Risiko ? Ich habe bei ihm nicht einmal erlebt, dass er sich verschlagen hat. Das ist sogar bei großen Meistern etwas, womit sie leben müssen. Also wieder so eine Art Mischungsverhältnis zwischen Salieri und Mozart.

Nennen wir es schlicht : Teilungsverhältnis. Der Eine bekommt das Paradies auf Erden geschenkt, die anderen fühlen sich aus dem Paradies rausgeschmissen und kommen nie wieder dort hin. Aber so setzt diese Vision eine neue Idee in die Welt.

Die Idee der Erde als Kugel stiess gelinde gesagt auf wenig Gegenliebe. Jetzt stellt sich die Frage : Wie gehen die Vielen, die sogenannten „Rausgeschmissenen“ mit dem irdischen Paradiesleben dieses Einen um? Vielleicht lieben wir es, lieber im Schweiße unseres Angesichts in harter Knochenarbeit unsere Musik zu machen ? Es gibt da noch einen Spruch : wer nicht hören will muss fühlen. Aber jeder in Heidelberg hat seine eigenen Gefühlle.

Tollhaus am 5. Oktober . Michael Schneider mit seinem Cello dabei im Tollhaus Karlsruhe

 

18. Juli 2013 | 9:37 UhrKarlsruhe (bb). In intensiven Beratungen hat die Experten-Jury die Teilnehmer des am 4. und 5. Oktober im Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus stattfindenden Finales „creole südwest – Globale Musik aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz 2013“ ermittelt. Aus 39 meist hochkarätigen Bewerbungen wurden die zehn Musikgruppen herausgefiltert, die am meisten dem creole-Gedanken entsprechen und auf hohem Niveau multistilistische und unterschiedliche kulturelle Einflüsse verbinden. So wurden das multikulturellexperimentelle Arkestra Convolt aus Mannheim, die Oriental-World-Rocker Gültekin Kaan & diVan und die Indo-Jazzer Indrajala aus Rheinland-Pfalz beziehungsweise dem Saarland und die Tübinger Formation Kallaton ausgewählt, die die sprachliche Verwandtschaft von Finnen und Ungarn musikalisch als Basis nutzt. Ein Heimspiel beim creole südwest-Finale hat die Karlsruher Band um die Singer/Songwriterin Liv, aus Freiburg kommen Ottoman Empire Soundsystem und das Elektro-Beatbox-Pop-Duo Pari San, aus Mannheim die Formation Meltem, vom Bodensee die Gruppe Stubenjazz, und aus Stuttgart reist die Balkan-Brass-Combo Volxtanz an. Zum vierten Mal wird 2013/2014 creole, der einzigartige bundesweite Wettbewerb für Globale Musik aus Deutschland ausgetragen. Die Preisträger der bundesweit sieben Regionalausscheide qualifizieren sich für das Bundesfinale »creole – Globale Musik aus Deutschland«, das im Mai 2014 im Pavillon in Hannover stattfindet.

Die Ausrichtung des Karlsruher Regionalwettbewerbs wird von den Mitgliedern des Trägerkreises creole südwest getragen, zu dem sich das Forum der Kulturen Stuttgart, das Kulturamt der Stadt Mannheim, der Verein Kultur Rhein-Neckar Ludwigshafen, das Kulturamt der Stadt Freiburg und das Kulturzentrum Tollhaus Karlsruhe zusammengeschlossen haben. Unterstützt wird creole als Projekt unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO Kommission vom Kulturamt der Stadt Karlsruhe, vom Land Baden-Württemberg sowie vom Kultursommer Rheinland-Pfalz. Die Auswahl für das creole südwest-Finale trafen Etienne Emard, der Geschäftsführer des Landesmusikrats Rheinland-Pfalz, die Kulturmanagerin Susanne Göhner und der Musiker und Weltmusikorganisator Rüdiger Oppermann.

Und hier noch ein Link über das Schlierbacher Bürgerfest im Juni dieses Jahres:

Fiesta Argentinia – Peter Seifert bittet zur Musik im Kulturbahnhof Balingen am 24.7.2013

Der Kulturbahnhof in Balingen? Kenne ich nicht. Hier gibt es nur einen Bahnhof. Noch einmal: können Sie mir sagen wo der Kulturbahnhof zu finden ist?
Ergebnis wieder gleich null.
Gut dann fahre ich eben zum Bahnhof oder zum Hauptbahnhof.
Der ist leicht zu erkennen. Es gibt einen schönen Vorplatz mit Taxis und Behindertenparkplätzen. Daneben einen Busbahnhof. Nicht zu übersehen.
Ein wunderschöner Bahnhof. Der gehört Peter Seifert, dem Veranstalter Hat sich eben noch nicht herumgesprochen, dass seit Februar 2013 der Bahnhof sich in Kultur verwandeln will.
Die Bahnhofshalle gehört von morgens sechs bis abends 20:00 Uhr den Fahrgästen.
Dann verwandelt sich die kleine Bahnhofshalle in einen Konzertsaal.
Am 24. Juli 2013 reiste der Tango Harmonika Express an. Fahrkarten mussten nicht gelöst werden.
20.00 Uhr: eine zum bersten gefüllte Bahnhofshalle. Jetzt wirkt sie viel größer mit Tischen und Bänken und einer mobilen Bühne. Das Publikum muss teilweise draußen stehend dem musikalischen Geschehen lauschen.
Aber was geschieht hier?
Tango-aber nicht argentinisch.
Blues-auf Englisch gesungen, klingt aber trotzdem sehr deutsch.
An diesem Abend alles sehr Rhythm and Bluesig.
Peter Antony am E-Piano hat einen sonoren Sub-Whoofer mitgebracht und jeder Basslauf der linken Hand klingt nach einem Turbo-Bösendorfer.
Da sich die zahlreichen Gäste an diesem Abend während des Konzertes sehr viel zu sagen haben kommt es sehr gut rüber, dass Tangoharmonika einen Touch Rhythm and Blues entwickelt, der dank Peters viriler Spieltechnik sehr funky ins Ohr geht und dem Lautstärkepegel im Publikum problemlos musikalisch Paroli bietet.
So wirkt das Mundharmonikaspiel von Uli Kieckbusch zeitweise wie ein Alibi für große Klaviersoli.
Nur bei “ Little Lady“ finden sich viele suchende Augen für die kaum sichtbare Harmonika in Ulis Mund.
In dem insgesamt großen orchestralen Sound dieses Abends war dies eine kleine Perle der akrobatischen Harmonika Musik.
Uli Kieckbusch, der Komponist aller Stücke dieses Abends, der Harmonika Virtuose und der hemmungslose Sänger der sogar Udo Lindenberg und Tom Waits in den Schatten stellt war trotzdem der Highlight dieses Abends.
Vom tiefen Bass bis in die höchsten Falsettregister: das Opern hohe C erscheint geradezu lächerlich angesichts Ulis Gesangsvermögen.
Der Mut zum hässlichen Gesang entwickelt allein dadurch schon eine traumwandlerische Schönheit eines sehr expressiven und lustvollen Gesanges. Jeder im Publikum spürt, dass hier nicht hässlich gesungen wird um genau dies zu tun, sondern um überhöht genau das Gegenteil zu erreichen. Uli Kieckbusch hat noch eine Sehnsucht. Das macht ihn sehr sympathisch, ganz gleich ob man ihn, seine Texte oder seine Musik versteht. Alle spüren: er macht nicht einfach weiter, sondern er will noch etwas. Er hat ein Ziel. Wir kennen es nicht aber: wir folgen ihm weil er, seine Musik und sein Gesang süchtig machen .
Joachim Gröschel am Schlagzeug und an der Perkussion ließ sich diesen fulminanten Abend nicht entgehen und zog kräftig mit.
Showtime ! war angesagt bei seinem fünfminütigen Schlagzeug Solo.
Wenn Joachim Gröschl sich musikalisch einmischt, dann sind 5 Minuten verdammt kurz, das „Amuse Geulle “ also viel zu klein.
Wir benamsen es jetzt auf Deutsch:
Ein heißer Abend! In jeder Hinsicht heiß. Musikalisch, menschlich und von den Temperaturen ganz zu schweigen.
Bei so viel Hitze musste der kammermusikalische Aspekt und das Feinsinnige in der Musik von Ulli Kieckbusch etwas im Hintergrund bleiben.

Tangoharmonika , das sind:
Uli Kieckbusch, Gesang, Harmonika
Peter Anthony, E-Piano
Joachim Gröschel, Schlagzeug, Percussion
Michael Schneider, Kontrabass, Cello

Yordan Kamdzhalov geht – der Musikbeamte bleibt.

Immer wenn ich in den letzten Jahren gefragt wurde, was ich mache, womit ich mein Geld verdiene, dann habe ich geantwortet: ich bin Musikbeamter.
Auf Deutsch: Angestellter der Stadt Heidelberg.
Dann fuhr ich fort: ich halte am Ende des Monats meine Hand auf um mein Geld zu kassieren und ansonsten sitze ich quasi im Büro und mache halt Musik.
(Damit gehe ich so locker um, weil ich natürlich ganz anders denke und mich ganz anders verhalte. Ich arbeite nicht sondern amüsiere mich von morgens bis abends und bekomme dafür auch noch Geld.).
Soweit so gut. Aber das dicke Ende kommt für mich jetzt doch noch.
Ein Genie verlässt Heidelberg und es steht für mich zu befürchten, dass ich noch hart auf dem Teppich lande.
30 Jahre habe ich beklagt und bemängelt, dass es keine wirklich guten Dirigenten in Deutschland gibt.
Solide und ordentlich,. Aber überaus inspirierend, das war immer ein Mangel. Also auf Deutsch gesagt: Mehr Taktschläger als Musikanten.
Das hat sich in den letzten Jahren durch die Förderung durch das Dirigenten Forum sehr verbessert und enorme Fortschritte bewirkt.
Trotzdem, ein Celibidache, oder Jonny Depp als Yordan Kamdzhalov, das ist einfach eine andere Kategorie. Also rede ich von Inspiration und kreativer Freiheit.
Nun muss ich also wieder, nachdem dieser tolle GMD uns verlassen wird, wieder in der unteren Liga der Geraden und Korrekten spielen.
Habe ich das verdient?
Womit habe ich das verdient?
Ich weiß, ich hätte mich auf eine höhere Kategorie bewerben können. Aber ich wollte ja in Heidelberg bleiben. Das ist die Lösung : wer nicht A sagt, der muss B sagen. B gleich wie bezahlen. Oder B wie B Orchester, wobei Heidelberg eigentlich ein C Orchester ist, auch wenn es nach B bezahlt wird und wir trotzdem Philharmoniker sein dürfen.
Fazit: Wer würde heute noch von Charles Lindbergh reden, wenn er nicht alleine über den Atlantik geflogen wäre.
Yordan Kamdzhalov fliegt demnächst über seinen inneren Atlantik und kann mich nicht mitnehmen . Es geht mir nicht um den Weltruhm. Den hole ich mir beim creole Weltmusikwettbewerb gemeinsam mit arkestra convolt am 5. Oktober um 20:00 Uhr im Tollhaus in Karlsruhe.
Da geht es wild und gefährlich in die musikalische Freiheit und Kreativität. Das muss ich genießen, denn in einem Jahr ist es auch in diesem Orchester mit der kreativen Freiheit vermutlich vorbei und es werden wieder Erbsen gezählt..